Orange denken und handeln

Hallo zusammen.

Heute leuchten viele Gebäude orange, manche tragen bewusst Orange – ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Mädchen und Frauen. Das klingt vielleicht weit weg, aber es hat viel mit eurem Alltag zu tun. Es ist noch nicht lange her, dass Frauen in Deutschland kaum eigene Rechte hatten. Entscheidungen über ihr Leben und ihren Körper lagen nicht bei ihnen. Sie galten oft als Besitz: erst des Vaters, dann des Mannes. Das hat sich zum Glück verändert. Trotzdem merkt man bis heute Spuren dieser alten Sichtweisen: in sexuellen Übergriffen, in Gewalt gegen Frauen, in Sprüchen, die Mädchen abwerten, oder in alltäglichen Kommentaren, die so tun, als seien Frauen weniger wert.

Jeder Mensch verdient Sicherheit. Diese Würde ist Alltag: auf dem Schulhof, im Klassenraum, in Gruppenarbeiten, in Chats. Gewalt beginnt selten laut. Oft beginnt sie in Worten, Blicken oder Ausschlüssen. Genau deshalb ist Sprache so wichtig. Auch Beleidigungen wie „H…sohn“ sind nicht einfach ein Schimpfwort unter Jungs. Sie benutzen Frauen als Werkzeug, um jemanden runterzumachen. Dahinter steckt die Vorstellung: Wenn man die Mutter des Gegenübers abwertet, trifft man den anderen besonders hart. Und damit wird die Abwertung von Mädchen und Frauen weitergetragen – oft, ohne dass man darüber nachdenkt.

Orange Day heißt nicht, dass er irgendwo stattfindet. Orange Day heißt, dass wir auf das Hier schauen sollten:

Wie wird miteinander gesprochen? Wer hat bei uns Angst, sich zu zeigen? Wer erlebt Spott oder Gerüchte? Welche Rolle spiele ich selbst – aktiv, mitlaufend, schweigend?

Worte schaffen ein Klima, in dem jemand kleiner oder größer wird. In Klasse 5 vielleicht ein blöder Spitzname, in Klasse 8 ein Gerücht, in Klasse 11 ein respektloser Kommentar im Chat.

Meine Frage ist nicht moralisch gemeint, sondern ganz praktisch: Wollt ihr in einer Schule leben, in der so abwertend und verletzend miteinander umgegangen wird?

In vielen Religionen – Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus – gibt es eine Form der „Goldenen Regel“: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst.

Nicht, weil man muss, sondern weil es das Zusammenleben leichter macht. Und natürlich gilt Respekt nicht nur in Richtung Mädchen und Frauen. Jungs und Männer erfahren ebenfalls Abwertung, Druck und Gewalt. Aber am Orange Day schauen wir besonders auf die Stellen, an denen Mädchen und Frauen bis heute häufig getroffen werden.

Respekt beginnt klein, indem wir eine klare Grenze setzen, wenn andere verletzt werden; wenn wir jemanden nicht allein lassen; wenn wir fair sprechen oder Hilfe holen, wenn es nötig ist. Niemand muss alles lösen. Aber jede Entscheidung für Respekt verändert das Klima einer Klasse.

Genau darum geht es, wenn heute alles orange leuchtet: nicht nur ein Zeichen für einen Tag, sondern eine Frage an euch selbst, wie ihr jeden Tag miteinander umgehen wollt.

Liebe Grüße

Markus Bomhard, Schulpfarrer